Musicals / Interview

Chicago-Produzent Barry Weissler im Interview

Ab Anfang Juni 2019 kehrt der Broadway-Klassiker Chicago auf die Musical-Bühnen nach Köln, Düsseldorf und Berlin zurück. Wir haben mit Produzent Barry Weissler gesprochen, der das Erfolgsmusical Mitte der 90er wieder zurück an den Broadway und anschließend auf Tour in die ganze Welt brachte.

Barry Weissler ist einer der renommiertesten Musical-Produzenten aller Zeiten. Mit den Broadway-Hits Grease, My Fair Lady und Cabaret machte sich Weissler weltweit einen Namen. Im Sommer 2019 kommt die internationale Tour-Produktion nach dem weltbekannten Vorbild vom Broadway, wo CHICAGO seit über 20 Jahren höchsterfolgreich läuft. Bevor Weissler sein Musical CHICAGO 2019 nach Deutschland bringt, haben wir ihn zum Interview getroffen.


Endlich kommt CHICAGO 2019 wieder nach Deutschland – für wen ist das Musical CHICAGO ein “must-see”?

Barry Weissler: CHICAGO ist ein Muss für jeden, der nach dem perfekten Broadway-Erlebnis sucht. Es zeigt eine dreifache Meisterleistung in Tanz, Gesang und Schauspiel. Es ist eine der wenigen Shows, die ich erlebt habe, bei der jeder Musiktitel ein brillant umgesetzter und geschichtsträchtiger Show-Stopper ist. Unterhaltung ist garantiert!

Die Geschichte ist ziemlich dunkel und böse. Fasziniert das Musical das Publikum gerade deshalb – über 40 Jahre nach der ersten Show am Broadway?

Barry Weissler: Der Zuschauer wird in CHICAGO von der Musik verführt und von den Charakteren angezogen, von ihrer vorgegebenen Unschuld und ihrem Ehrgeiz. Das Musical ist wie ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft. In den 70ern war das Stück seiner Zeit noch ein wenig voraus. In den 90ern und frühen 2000ern wurden die Gerichtsprozesse der Reichen und Schönen vor allem in den USA in den Mainstream-Medien schier zu einer Sensation – nehmen Sie als Beispiel O.J. Simpson. Diese Entwicklung hat die CHICAGO zu einem Kunstwerk gemacht, das das Leben nachahmt und umgekehrt.

Die Handlung basiert auf einer wahren Geschichte in den 20er-Jahren. Wie sehr passt sie in die heutige Zeit?

Barry Weissler: Die Handlung ist zeitlos. Wir sehen dieselbe Thematik in der gegenwärtigen Gesellschaft, in allen Teilen der Welt. Seit dem Aufkommen der sozialen Medien hat das Berühmtsein umso mehr an Bedeutung gewonnen: Man will um jeden Preis ein Star werden – und das schnellstmöglich. Die Menschen sind wie besessen, die Gerichtsverfahren der Promis in endlosen 24-Stunden-Nachrichten mitzuerleben. In den USA beispielsweise geht derzeit ein Bestechungsskandal durch die Medien: Stars sollen, um ihre Kinder an Eliteschulen unterzubringen, ihren Einfluss und Reichtum genutzt. Die Geschichte fasziniert die Öffentlichkeit. Jeder verfolgt sie mit, um zu sehen, wer die Schuldigen sind. Genauso wie die Medien und die Öffentlichkeit damals in den 1920er Jahren, als die Prozesse gegen Beulah Annan und Belva Gaertner in Chicago für Schlagzeilen sorgten. Beide Frauen bilden die Vorlage für unsere Musical-Figuren Roxie Hart und Velma Kelly.

Wann haben Sie CHICAGO zum ersten Mal gesehen? Was kann das Publikum von der Show heute erwarten?

Barry Weissler: Im Frühjahr 1996 besuchten meine Frau Fran und ich an einem Samstagnachmittag eine Konzertinszenierung von CHICAGO im Rahmen der sogenannten Encores!-Reihe in New York. Kaum jemand war damals an der Show interessiert. Fran und ich hingegen spürten, dass wir etwas Einzigartiges und Frisches sahen und entschieden uns, das Revival zu produzieren. Im Gegensatz zu den aufwendigen Broadway-Shows war CHICAGO schlicht und minimalistisch: kein aufwendiges Set, weder herunterfallende Kronleuchter noch abstürzende Hubschrauber noch revolutionäre Barrikaden. Der Fokus lag und liegt ganz auf den Schauspielern, der Musik, der Choreografie und der Geschichte – das ist auch heute so.

An welche Reaktionen erinnern Sie sich nach der Premiere Ihrer Produktion im November 1996?

Barry Weissler: Alle hielten uns für verrückt, die Show am Broadway zu zeigen. Aber wir waren sehr zuversichtlich, dass es ein Erfolg wird. Ich erinnere mich, wie unser Presseagent am Premierenabend zu uns gerannt kam und erzählte, dass die Rezension es auf die Titelseite der New York Times geschafft hatte, mit einem riesigen Foto. Das veränderte unser Leben schlagartig!

Damals hätten Sie wahrscheinlich nicht erwartet, dass CHICAGO so viele Jahre lang aufgeführt wird, in New York und auf der ganzen Welt.

Barry Weissler: Es war und ist eine erstaunliche Reise! Ein Musical zwei, drei Jahre am Broadway spielen zu können, ist schon eine große Leistung. Eine Spielzeit von über 22 Jahren übersteigt meine kühnsten Träume! Wer hätte gedacht, dass CHICAGO das am längsten laufende amerikanische Musical in der Geschichte des Broadway und West End werden würde. Über 30.000 Aufführungen, davon bis heute allein 9.300 am Broadway. Weltweit war die Show in über 500 Städten zu Gast, in 36 Ländern, übersetzt und aufgeführt in 12 Sprachen – das ist atemberaubend. Die Anzahl an Preisen und Auszeichnungen ist überwältigend. Ich sehe das Musical als ein Geschenk des legendären John Kander, von Fred Ebb und Bob Fosse, das ich immer in Ehren halten werde.

Chicago Musical 2019

In der Rolle der Roxie Hart (Mitte) brillierten bereits große Namen wie Renée Zellweger und Gwen Verdon (Foto: Tristam Kenton).

Die deutsche Schauspielerin Ute Lemper verdankte ihren internationalen Durchbruch der Rolle der Velma Kelly. Renée Zellweger erhielt Preise für ihre Darbietung der Roxie Hart. Wenn Sie einen Wunsch für die Besetzung frei hätten: Wen würden Sie gerne mal in CHICAGO auf der Bühne sehen?

Barry Weissler: Ich würde gerne eine Frau sehen, die den Anwalt Billy Flynn spielt. Bevor Fred Ebb starb, hatten wir diese Idee tatsächlich mit ihm und John Kander besprochen. Fred schrieb sogar alternative Songtexte, mit dem Wunsch, dass wir eines Tages eine Schauspielerin für diese Rolle besetzen würden. Dafür gäbe es so viele tolle Möglichkeiten wie Meryl Streep oder Glenn Close bis hin zu Pink oder Beyoncé.

Inwiefern unterscheidet sich CHICAGO von Ihren weiteren Produktionen wie etwa „Waitress“ oder „Grease“?

Barry Weissler: Sowohl Waitress als auch Grease sind Musicals, die auf Filmen basieren und von diesen adaptiert wurden. CHICAGO hingegen basiert auf wahren Begebenheiten und war die Inspiration für einen mit mehreren Oscars ausgezeichneten Kinofilm. Natürlich hat jede Show, die wir produzieren, einen besonderen Platz in unserem Herzen. Aber CHICAGO hat unser Leben wirklich verändert – es hat uns um die ganze Welt geführt.

Wie sehr, würden Sie sagen, hat sich der Broadway im Laufe der Jahre verändert?

Barry Weissler: Der Broadway ist ständig im Wandel. Nehmen wir die letzten 20 Jahre: Seit der Premiere des CHICAGO-Revivals 1996 hat eine Phase der Kommerzialisierung stattgefunden. Shows aus dem Disney-Repertoire fingen an, am Broadway zu spielen wie The Lion King, Beauty & the Beast oder Mary Poppins. Sowie populäre Titel wie Spider Man. Dadurch tat sich eine neue, jüngere Gruppe an Besuchern hervor, die mit einem Produkt nun schon vertraut war, bevor es in die Theater kam. Eine Art Wohlfühlfaktor, mit dem eine neue, breitere Schicht für den Theaterbesuch begeistert wurde.

Außerdem ist die Zahl internationaler Touristen am Broadway in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen: Sie besuchen längst nicht mehr nur die Stadt New York, sondern auch eine Show. Nicht-englischsprachige Touristen können viele Musicals dank moderner Technik mit Übersetzung erleben. Und natürlich sind die Tickets dank Online- und Smartphone-Technologie heute schneller verfügbar, Sitzplätze und Preiskategorien kann man unkompliziert auswählen und buchen. Das macht es im Vergleich zu damals viel einfacher, eine Show am Broadway zu besuchen.


Chicago – The Musical 2019 in Deutschland

  • 04. bis 16. Juni 2019 | Köln – Musical Dome
  • 25. bis 30. Juni 2019 | Düsseldorf – Capitol Theater
  • 03. bis 13. Juli 2019 | Berlin – Admiralspalast

Alle Aufführungen finden in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln statt. Hier gibt es Tickets für die Chicago Deutschland-Termine 2019!


Fotos: BB Promotion

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