Musik

Konzertnervbirnen #11: Der Steher

Wir lieben Konzerte und verbringen unsere Abende gerne in der Gesellschaft Gleichgesinnter vor einer Bühne. Aber wir wollen euch auch nicht nur in Euphorie und Watte kuscheln. Deshalb gehen wir mit dieser Kolumne dahin, wo es wehtut – und stellen uns direkt neben, bzw. hinter die schlimmen Menschen, die einem auch das beste Konzert versauen können. In der elften Folge nimmt sich Musikjournalistin und Fotografin Chiara Baluch den Steher vor, der sich pflichtbewusst am liebsten in der ersten Reihe platziert. Illustration: Alexandra Ruppert

Sie sind gekommen, um zu bleiben. Ihre Füße in der ersten Reihe einbetoniert. Ihr Ziel: Sich hier zwei Stunden plus minus Zugabe nicht mehr wegzubewegen. Schön und gut. Aber auch sonst regt sich bei dieser Gattung Mensch auf Konzerten so rein gar nichts. Sie sind mir schon das ein oder andere Mal begegnet. Ich habe sie liebevoll die Steher getauft. Sie kommen früh, reservieren sich den besten Platz mittig direkt vor der Bühne, um dann das gesamte Konzert damit zu verbringen, in absolute Regungslosigkeit zu verfallen. Was daran störend sein soll? Es mag übertrieben klingen, doch der Steher ist meiner Meinung nach eine der nervigsten Personen, seit es Konzerte gibt. Vor allem, wenn dieser Jemand noch zwei Köpfe größer ist als alle anderen im Publikum.

Und nun die Frage nach dem „Warum“? Man sollte meinen, jemand der mehr als zwei Mark 50 für eine Konzertkarte ausgibt und sich extra in die erste Reihe stellt, ist ein wahrer Fan, wie er im Buche steht. Da könnte man während des Konzertes wohl die eine oder andere kleine Regung, sei es auch nur ein zustimmendes Kopfnicken, erwarten. Man muss ja nicht gleich euphorisch den nächsten Moshpit eröffnen, aber ein bisschen Schunkeln wird ja wohl drin sein. Doch diese Menschen haben sich der Bewegungsunfähigkeit verschrieben und starren mit leerem Blick die Bühne empor. In der Regel kommen sie alleine. Steher sind keine Rudeltiere. Zu groß die Gefahr, die Begleitung könnte einem beim nächsten groovigen Song antanzen und zum Mitmachen animieren. Nein, er muss standhaft bleiben. Und das merken auch die Leute in unmittelbarer Umgebung. Die sich umständlich den Hals verrenken müssen, um an der starren Betonsäule vorbei, einen Blick auf die Mitte der Bühne zu erhaschen. Leute wie ich, die tatsächlich Spaß an dem Konzert haben (wollen).

Konzerte Stehen

Ab und zu bleiben am Steher BHs oder Höschen hängen, die aus der hinteren Reihe geworfen wurden und erfolglos ihren Weg auf die Bühne gesucht haben. Auch Bierduschen lassen den Steher kalt und erwecken ihn nicht aus seinem wachkomatösen Zustand. Sogar Recherchen von Galileo konnten keine hilfreiche Antwort darauf liefern, was es mit dieser bizarren Konzertgänger-Spezies auf sich haben könnte. Nur eines ist sicher: Die Illuminaten haben nichts damit zu tun. Nach der Zugabe gehen die Steher dann so, wie sie gekommen sind. Stumm und emotionslos. Einen Sticker am Merch-Stand abgreifen – das höchste an Gefühlen, das man von ihnen erwarten kann.

Liebe Steher, meine Bitte an euch. Wenn euch das Konzert so kalt lässt, stellt euch doch einfach etwas weiter nach hinten. Oder wenigstens an die Seite, und macht die erste Reihe frei für die waren Fangirls und Boys. Die jedes Lied des Acts mitsingen und mittanzen wollen. Und die dem Künstler ein Gefühl von Zustimmung geben. Ihr Steher allerdings gebt dem Künstler wohl eher ein Gefühl von: „Was habe ich nur falsch gemacht?“ Und das kann doch auch nicht in eurem Sinne sein.


Alle Folgen der Kolumne „Konzertnervbirnen“ findet ihr hier.

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