Musik / Interview

Applause Newcomer Check: JEREMIAS im Interview

Eigentlich wollte die Musikjournalistin und Fotografin Chiara Baluch den Hauptact eines Kölner Konzertabends fotografieren – und wurde stattdessen von der Vorband kalt erwischt. Die hieß JEREMIAS, tauchte schon in unserer "New for 2020" Liste auf und steht gerade auf dem Sprung in eine vielversprechende Karriere. Die logische Konsequenz: Ein Interview für uns nur wenige Tage nach dem Gig und eine Vorstellung im Applause Newcomer Check.

Fotos & Text: Chiara Baluch

Betritt man den Kölner Tsunami Club fühlt es sich immer ein bisschen an, als würde man in den Partykeller im Hause der Eltern hinabsteigen. Die lange Treppe nach unten, die nach dem dritten oder fünften Kölsch dem ein oder anderen schon zum Verhängnis wurde, führt in einen kleinen Konzertraum, Schrägstrich, Bar. Die tief hängende Discokugel an der Decke tut sein Übriges dafür, dass man am liebsten in „La Boum“-Manier mit Tobi aus der 10d engtanzen will. Eigentlich bin ich hier, um Das Moped zu fotografieren. Doch bevor die Band loslegt, betreten vier sehr nett drein schauende Jungs die Bühne.

Manche Vorbands haben es schwer, das Publikum für sich zu gewinnen, doch die durchdringende Inbrunst mit der JEREMIAS ihren ersten Song anstimmen, kriegt mich und viele andere sofort. Ich zücke die Kamera weil ich merke, dass es was Gutes ist, was ich da sehe und höre. Die Songs sind melancholisch, bisweilen gar funky und durchzogen von einer Sehnsucht und dem Wunsch nach mehr, was der junge Frontmann Jeremias mit einer Wucht zum Ausdruckt bringt, mit der ich mich sofort identifizieren kann. All das schafft, ohne es dabei mit theatralischen Teenie-Kitsch zu überladen.

Denn Zeilen wie „Ich bin ein bisschen müde. Ein bisschen abgefuckt. Mein Leben dreht sich nur um den Tag und um die Nacht“ sind nicht kitschig. Sie sind ehrlich. Die Blicke von Jeremias, dem die vierköpfige Band auch seinen Namen verdankt, sind so flehend, dass ich ihm am liebsten etwas geben will. Man möchte ihm sagen „Alles wird gut“. Oder „Ich verstehe euch!“ auf die Bühne rufen. Und wenn ich mich so umsehe bemerke ich, dass es nicht nur mir so geht. Womöglich hat Jeremias dieses Talent, das in Worte oder vielmehr in Songs zu verpacken, was vielen im Kopf rum schwirrt.

Jeremias Band Deutschland Tour 2020

Wenige Tage später telefoniere ich mit Frontmann Jeremias Heimbach und wundere mich gar nicht, als er sagt: „Clueso und Grönemeyer fand ich textlich immer megaschön. Musikalisch ist es uns allen wichtig, dass wir uns eine gewisse Leichtigkeit bewahren. Wir wollen keinen Singer-Songwriter-Pop machen. Wir wollen mit deutschen Texten arbeiten – und dabei einen internationalen Sound haben.“ So beschreibt Jeremias die Essenz ihrer Musik und trifft ihre Debüt-EP damit ganz gut.

Die trägt den zugegeben, leicht blumigen Titel „Du musst an den Frühling glauben“, kommt aber ohne Hymnen über die erste Liebe im Frühjahr an einem milden Morgen im April aus. Vielmehr geht es um die Gier nach mehr, den neugierigen Blick auf das große Ganzen und um die Frage, ob die weite Welt auf dich am Bahnsteig wartet. Oder eben auch nicht. „Wir kommen nicht drum herum einen gewissen melancholischen Vibe in unsere Musik zu haben“, sagt mir Jeremias und gibt: „Das ist am Ende aber auch der Reiz.“

Einige seiner Zeilen erinnern dabei an kleine Gedichte, wirken hier und da gar altmodisch, oder besser: zeitlos. So wie „Tausend Fragen, tausend Bitten, die ich mir aus der Kehle schrei.“ Es sind starke Zeilen wie diese, die mich bei ihrem Konzert fast dazu brauchten, wie eine LK-Schülerin den Textmarker zu zücken, um die schönsten Metaphern zu markieren. Doch nichts von dem was Jeremias singt, wirkt dabei gezwungen. Jeder Song ist verständlich und klar. Und drückt eben genau das aus, was er sagen will. Und dabei trägt er trotzdem diesen Sturm und den Drang junger Menschen in sich, die voller Erwartungen sind auf das, was noch kommen mag.

Jeremias Deutschland 2020

Alle Mitglieder der Band stammen aus dem Umkreis Hannover. Zu Jeremias und seinem Schulfreund Olli, die erst nur zu zweit Musik machen, kommen nach kurzer Suche Ben und Jonas dazu. Jeremias erzählt mir: „Es ist eigentlich mega pragmatisch, wie wir uns zusammengefunden haben. Wir hatten einfach Bock ne Band zu gründen.“ Die ersten Gigs gestalteten sich noch etwas holprig und alles andere als professionell. Nichts funktioniert so richtig und da keiner der Jungs zu der Zeit schon einen Führerschein hat, muss Papa im Kombi die Band zu ihren Konzerten fahren. „Das war schon unangenehm. Und alle dachten sich bestimmt ‚Was ist nur los mit den Jungs?‘. Aber wenn man selbst etwas in dem sieht, was man tut, dann ist es nur eine Frage der Zeit.“, fasst Jeremias den Anfang ihrer Bandgeschichte zusammen.

Und so schlimm kann es nicht gewesen sein, denn plötzlich schreibt sie Jonas von der Band OK KID von heute auf morgen bei Instagram an und fragt, ob sie nicht Lust hätten, bei vier Shows als Support zu spielen. Das war im Oktober 2019. „OK KID machen das schon zehn Jahre und haben ein tolles Standing und tolle Fans. Das war irgendwie so absurd, auf einmal live dabei zu sein. Da haben wir erst richtig gecheckt, dass es für uns auch größer weiter gehen kann.“ Kurz danach werden Jeremias von Das Moped angefragt, sie als Vorband auf der Tour zu begleiten, die sie zu mir in den Tsunami Club führte. Wo sie gedrungen auf der engen Bühne spielten, angestrahlt von den Glitzerpunkten der Discokugel und singend von einer diffusen Zukunft, Fernweh und Verlustängsten.

Jeremias Deutschland 2020

Im Dezember veröffentlichte die Band „Grüne Augen lügen nicht“, ein Song, den Jeremias als logische Konsequenz beschreibt: „Wir fanden das Lied alle wunderschön, und es ist emotional bei mir tief verankert. Es ist so befreiend, das einfach rauszuhauen, weil wir nicht festgelegt haben, ob das jetzt in der nächsten EP endet oder es nur eine Single ist. Es ist komplett losgelöst von allem.“

Diesen Februar geht es für die Jungs das erste Mal auf eigene Tour durch die Republik. Neben großer Euphorie fährt die Angst mit, dass man nun als Hauptband vielleicht weniger ankommt, oder der kleine Erfolg genauso schnell wieder verflogen ist. Doch Jeremias gibt sich gelassen: „Ein befreundetet Musiker hat mal zu mir gesagt: ‚Die Frage ist nicht wieso ich das mache, sondern ob ich etwas anderes machen könnte.‘ Wenn man sagt, man kann nichts anderes als das, ist das eben das beste Argument dafür, die Sache durchzuziehen.“ Also zieht die Band die Sache eben durch. Es hilft ja alles nichts. Und die Prognosen für Jeremias stehen gut. Ich bin nicht die einzige, die glaubt: Da kommt noch was! Aber zu Kopf steigen wird ihnen das sicher nicht, denn Jeremias sieht die Sache so: „Wir sind ja noch ganz am Anfang, aber man hat jetzt schon das Gefühl, dass es sich vielleicht ein bisschen gelohnt hat. Und dann fängt es erst richtig an Spaß zu machen.“

Tickets für die Deutschland-Tour von JEREMIAS im Februar 2020 gibt es hier!


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