Musik

Interview

Applause Newcomer Check: L Devine im Interview

In unserem Applause Magazin stellen wir euch in jedem Monat vielversprechende Newcomer-Acts vor. Diesmal sprachen wir mit L Devine, die ihr am 18. November live in der Berghain Kantine in Berlin erleben könnte.

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Olivia Rebecca Devine ist 22 Jahre alt, stammt aus der Nähe von Newcastle, wohnt mittlerweile in London und mischt mit ihren Songs langsam aber sicher die Popwelt auf. „Naked Alone“ und „Peachy Keen“ sind unwiderstehliche Radiohits – die aber nicht platt daherkommen, sondern Tiefe, Witz und Herzschmerz in Killer-Refrains packen.

Die Lieder von L Devine sollten eigentlich einen Warnhinweis bekommen. Denn die junge Songwriterin und Sängerin macht das, was man den Robyn-Trick nennen könnte: Sie bringt dich zum Tanzen, füttert dich mit zuckrigen Hooks bis du breit grinsend den Refrain mitsingst – und dann erst merkst du, dass sie dir dabei traurig lächelnd das Herz rausgerissen hat. „Daughter“ ist da ein gutes Beispiel: Der Opener ihrer zweiten EP „Peer Pressure“ erzählt die Lovestory zweier junger Mädchen. Die beiden sind 17, lieben sich, verbringen geheime Zeit miteinander – und dann passiert dieser Refrain: „It goes against everything that you taught her / But I’m sorry miss, I’m in love with your daughter / Said, ‚What about kids? All the hopes I had for her‘ / Well I’m sorry miss, I’m in love with your daughter.“ Mit diesen Zeilen beschreibt L Devine eine reale Situation: Als sie und ihre erste Freundin ihre Liebe der Mutter anvertrauten, sagte diese ungefähr: „Na toll. Dann werde ich ja nie Enkelkinder haben.“

Wir erwischen L Devine telefonisch, als sie gerade auf Elternbesuch in ihrer Heimat ist. „Ja, die Szene in ‚Daughter‘ ist wirklich passiert“, erzählt sie. „Ich wollte ein Lied über meine erste Liebe schreiben, und wie großartig sich das anfühlte. Bis ihre Mutter auf sehr krasse Weise sagte, wie wenig sie von unserer Beziehung hält. Das hat uns beide hart getroffen – und total verwirrt. Sollten die Eltern nicht auf deiner Seite sein? Ich habe mich lange davor gedrückt, ein Lied darüber zu schreiben, weil ich mir nicht sicher war, ob das wirklich jemanden interessieren würde. Ich denke einfach immer zu viel nach. Aber so funktionieren meine Songs: ‚Daughter‘ hat mir geholfen, das zu verarbeiten und mir Kraft gegeben.“

Und nicht nur ihr. „Mir haben seitdem viele Fans geschrieben und von ihrem Coming-out erzählt. Oder mir gesagt, dass ihnen meine Musik geholfen hat, als sie ähnliches erlebten. Das ist sehr bewegend.“ Aus diesen Erfahrungen entstand auch die Idee, einen eigenen Podcast zu starten (den wir an anderer Stelle im Heft vorstellen). Ihre eigenen Eltern waren zum Glück lockerer: „Sie haben mich so akzeptiert, wie ich bin. Ich glaube, es gab nie eine Situation, in der ich es ihnen überhaupt sagen musste. Sie haben einfach wissend gegrinst, wenn ich total verknallt mit einem Mädchen zuhause rumhing und gleich verstanden was los ist.“

L Devine hat bisher zwei EPs („Peer Pressure“ und „Growing Pains“) veröffentlicht. Man erkennt schon an den Titeln, dass sie sich darauf mit den Tücken des Erwachsenwerdens und Jungseins befasst. Das sind natürlich beliebte und klischeebehaftete Themen im Pop, aber L Devine schafft es immer wieder, einen eigene Twist und eine eigene Sprache zu finden. Dass ihr Songwriting so sitzt, wie es sitzt, ist kein Zufall, sondern Ergebnis harter Arbeit. „Ich wollte schon immer Songwriterin werden. Seit ich ein Teenager bin, schließe ich mich in mein Zimmer ein, feile an Melodien und schreibe Lieder über mein Leben. Ich hätte aber nie gedacht, dass man daraus auch eine Karriere formen kann. Ich wollte auch gar nicht zwangsläufig selbst singen. Als ich nach London gezogen bin dachte ich, ich werde so eine typische Zulieferin für andere Acts.“

Es kam zum Glück anders. Zum ersten Mal traf L Devine dort andere Künstlerinnen und Kreative, die ihre Liebe zu großem Pop teilten und ihr das Selbstbewusstsein gaben, selbst durchzustarten. „Die Gegend um Newcastle, aus der ich stamme, ist eher so Gitarrenjungsgebiet“, lacht sie. Sie wehrt sich auch gegen den Vorwurf, Pop sei nicht so tiefschürfend, wie Singer/Songwriter-Musik, Indierock oder Rap. „Eine Post-Punk-Band mit verzerrten Gitarren gilt schnell als deep oder dringlich oder sonst was. Aber warum sollte Pop das denn nicht können? Catchy sein, und trotzdem eine Message und eine Haltung haben geht ganz gut zusammen für meinen Geschmack.“ Ihre Songs sind da vielleicht der beste Beweis für diese These.

L Devine wird, wenn alles glatt läuft, hoffentlich 2020 mit einem richtigen Album antreten. Und sie wird dieses Jahr einige ausgewählte Shows spielen, unter anderem in der Berghain Kantine in Berlin am 18. November (verschoben vom 19.05.2020). Wenn alles glatt geht, werden wir sie dort noch einmal auf ein Gespräch treffen, und fragen, wie es gerade so läuft mit diesem 2020.


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