Musik

Caribou im Gespräch zum neuen Album „Suddenly“

Dan Snaith alias Caribou war schon immer einer der spannendsten Musiker im Feld der elektronischen Musik. Was vor allem daran liegt, dass er ihm jegliche Kälte austreibt und mit jedem Album aufs Neue belegt, dass auch Wehmut, Melancholie und der kritische Blick auf die Gesellschaft tanzbar sein können. Das gilt auch für sein neues Album „Suddenly“, das Caribou ab April 2020 auch live in Deutschland vorstellen wird. Annett Bonkowski traf Dan Snaith vorher für uns in Berlin.

Am Freitag, den 28. Februar erscheint das neue Caribou Album „Suddenly“ – der langersehnte Nachfolger der 2014 erschienenen Platte „Our Love“. Snaith wagt darauf etwas, das in diesen Zeiten voller Schreihälse fast radikal erscheint: Er erinnert uns daran, dass nett sein eigentlich ganz geil ist. Und man vor lauter Wehklagen auch mal schauen sollte, dass man glücklich wird –
oder vielleicht gar schon ist. Annett Bonkowski hat den Elektro-Tüftler zum Interview für das Applause Magazin getroffen. Im April und August 2020 ist Caribou bei vier Konzerten in Deutschland wieder live zu erleben.


Caribou 2020 nach fünf Jahren Pause zurück

Der Mensch ist bekanntermaßen ein Gewohnheitstier. Plötzliche Abzweigungen vertragen die Wenigsten. Wenn aus der Ruhe auf einmal Ruhelosigkeit wird oder gar der kurzzeitige Kontrollverlust droht, endet das meistens ungut. Die Sehnsucht nach irgendeiner Form von Ordnung ist allgegenwärtig. Und dennoch gibt es sie immer wieder, jene Momente, die unser Leben, im Positiven wie im Negativen, auf den Kopf stellen und uns nicht selten dazu bringen, dass wir über uns hinauswachsen (müssen). Von den guten Überraschungen lassen wir uns zweifelsohne lieber einnehmen und nennen sie eine glückliche Fügung des Schicksals. Von den weniger angenehmen werden wir dagegen oftmals machtlos erwischt und binnen von Sekunden niedergerungen.

„Suddenly“, das neue Studioalbum von Dan Snaith alias Caribou, ist ein Album, dessen Kern sich genau mit diesen plötzlichen Wendungen im Leben beschäftigt. Basierend auf der Konfrontation mit der Realität und dem Unerwarteten. Der vermeintliche Ist-Zustand der letzten Jahre auf der Waagschale, dessen Bilanz für Snaith nicht persönlicher ausfallen könnte als in diesen zwölf neuen Songs. Überraschend ist bei unserem Treffen, am bereits weit vorangeschrittenen Promotag im Büro seines Berliner Labels, vor allem der immer noch deutlich spürbare Enthusiasmus, der Dan Snaith umgibt. Der Drang zu reden ist groß. Keine Anzeichen von Müdigkeit in seinen Augen, die ausnahmsweise nicht von seinen typisch großen Brillengläsern eingerahmt sind.

„Sei nett und sei glücklich“

Ganze zehn Jahre sind seit unserem letzten Gespräch und seinem Durchbruch mit dem Erfolgsalbum „Swim“ vergangen. Nach dem 2014er Zwischenstopp „Our Love“ waren die letzten fünf Jahre auf persönlicher Ebene besonders prägend für Snaith. Eine Zeit, die Dan und seine Familie immer wieder auf die Probe stellte, wie er sagt: „In den letzten fünf Jahren gab es viele Dinge in unserem Leben, die wie aus dem Nichts heraus über uns hereingebrochen sind. Wir wurden auf persönlicher, aber zum Beispiel auch politischer Ebene so unerwartet davon getroffen, was teilweise zu einer völligen Neustrukturierung der Verhältnisse um uns herum geführt hat. Es hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich wirklich vieles in Frage gestellt habe. Wir beginnen uns in solchen Momenten zu fragen, ob wir uns vielleicht auf die falschen Dinge im Leben fokussieren. Sorge ich mich unnötig um bestimmte Sachen? Gibt es Wichtigeres, das meine Aufmerksamkeit verdient? Hätte ich den plötzlichen Wandel kommen sehen müssen? Einige familiäre Erfahrungen der letzten Jahre waren unheimlich traurig. Es sind diese Art von Wendungen im Leben, die einen dazu zwingen die Scheuklappen abzulegen und bestimmte Muster zu überdenken.“ Für Dan Snaith führte diese Phase der ganz persönlichen Evaluierung der bestehenden Verhältnisse dazu, dass für ihn vor allem zwei Vorsätze in den Vordergrund rückten: „Sei nett und sei glücklich.“

Das sind die zwei bedeutungsvollsten Wege, die wir einschlagen können. Es klingt einfach und wie ein Spruch auf einer Grußkarte, aber es braucht gleichzeitig auch viel Kraft sich nicht von all dem Negativen aus der Bahn werfen zu lassen“, betont Snaith. Keine leichte Aufgabe und dennoch das tägliche Mantra, mit dem er seinen Alltag meistert. Dauerhaft kreativ im Heimstudio oder als äußerst alberner Familienvater, wie er uns gesteht: „Humor ist ein großer Teil von mir. Meine jüngste Tochter ist manchmal genervt davon, weil ich so viel Quatsch mache. Als Achtjährige strahlt sie im Vergleich zu mir wahrscheinlich viel mehr Ernsthaftigkeit aus, während ich ständig versuche komisch zu sein.“

Auf Zack ist der gebürtige Kanadier auch nach wie vor abseits seiner familiären Unterhaltungsqualitäten. So entstanden in den vergangenen Jahren hunderte von Song- Ideen, in denen Dan Snaith sein kreatives Dauerflimmern einfing, um es anschließend als großes Ganzes aufleuchten zu lassen. Aller Schicksalsschläge und Herausforderungen zum Trotz dominiert auf „Suddenly“ keineswegs ein schwermütiger, trauriger Unterton. Vielmehr ist das Album durchdrungen von einer fortwährenden Wärme und Empathie. Und dem Bewusstsein dafür, dass Veränderungen zwar beängstigend, aber auch lehrreich sein können.

Vor allem dann, wenn sie zu einem Perspektivenwechsel führen, räumt Snaith ein: „Mein ganzes Leben hatte ich sehr viel Glück, denn es war von Stabilität und Liebe gekennzeichnet, ohne wirklich böse Überraschungen, die mir den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Als jüngstes Kind in meiner Familie war ich immer behütet. Nun, als Erwachsener und mit den Erfahrungen der letzten Jahre, gab es diesen merklichen Umbruch in der gewohnten Rollenverteilung. Plötzlich war ich die Schulter zum Anlehnen, die Stärke, Mitgefühl und Trost spendete. Ich habe gelernt, dass ich die nötige Kraft habe diese Rolle auszufüllen. Vieles in den Texten auf dem neuen Album befasst sich genau mit diesen unterschiedlichen Rollen, in die ich schlüpfe.“ Der Blickwinkel bleibt jedoch stets ein sehr persönlicher.

Auf „Suddenly“ singt Snatih so viel wie nie zuvor

Die eingesetzten Samples unterstreichen das ebenfalls. So ertönt beispielsweise auf dem Eröffnungstrack „Sister“ die Stimme von Snaiths Mutter, die ein Schlaflied singt. Abseits davon ist es aber die Stimme des Kanadiers, die auf „Suddenly“ unüberhörbar in den Vordergrund rückt. Zum ersten Mal überhaupt als tragende Stimme auf allen Tracks eines seiner Alben. Ob dies eher ein Zufall oder doch das Produkt seines gewachsenen Selbstbewusstseins ist, klärt Snaith gewohnt bescheiden auf: „Mit jedem Album habe ich zunehmend mehr gesungen. Dieses Mal so viel wie noch nie zuvor. Ich werde jedoch nie ein Sänger ein – dieser Typ, der seinen Mund öffnet und bei dem etwas Magisches zu hören ist. Ich kann zwar viel üben, denn auch die Stimme ist eine Art Instrument, das man trainieren kann, aber ich werde niemals eine Beyoncé oder ein Marvin Gaye sein.“

Beide haben dafür vermutlich keine Erfahrung im Turmspringen, das Dan Snaith – Überraschung – seit Monaten für sich entdeckt hat. Der physische Ausgleich zur Musik hilft ihm, laut eigener Aussage, den Kopf freizubekommen. Möchte man hier Rückschlüsse auf das neue Cover-Artwork ziehen, könnte man glatt meinen, Caribou setzt zehn Jahre nach „Swim“ und seinen ersten Schwimmversuchen im großen Becken nun fokussiert mit dem neuen Werk „Suddenly“ zum nächsten Sprung an – als Kür versteht sich. Sauber eingetaucht. Die Tricks subtil unter der Wasseroberfläche blubbernd, ohne Scheu sich klanglich immer weiter freizuschwimmen oder etwas so Komplexes wie „Suddenly“ am Ende ziemlich elegant aussehen zu lassen.


Caribou – Live in Deutschland

  • 21.04.2020 | Hamburg – Große Freiheit 36
  • 25.04.2020 | München – Muffathalle
  • 28.04.2020 | Köln – E-Werk
  • 15.08.2020 | Berlin – Zitadelle (Open-Air)

Hier gibt es Tickets für Caribou!

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