Musik

Konzertnervbirnen #8: Die Besserwissenden

Wir lieben Konzerte und verbringen unsere Abende gerne in der Gesellschaft Gleichgesinnter vor einer Bühne. Aber wir wollen euch hierim Blog auch nicht nur in Euphorie und Watte kuscheln. Deshalb gehen wir mit dieser Kolumne dahin wo es wehtut – und stellen uns direkt neben die schlimmen Menschen, die einem auch das beste Konzert versauen können. In der achten Folge nimmt sich Rosalie Ernst die Klugscheißer, pardon Besserwissenden vor. Eine Spezies, die ihr um so häufiger begegnet, seitdem sie entschieden hat, Musikjournalismus aktiver zu betreiben. Illustration: Alexandra Ruppert.

Ist es nicht wundervoll, wenn sich der Raum vor der Bühne langsam mit Menschen füllt, man mit noch vollem Bier in der Hand tuschelt und die Luft sich mit einem elektrischen Knistern der Vorfreude auflädt? Ich liebe diese kleinen Momente, die dafür sorgen, dass man vor lauter Aufregung fast explodiert. Erst letztens spürte ich das wieder – an einem Abend im Oktober im Berliner Tempodrom, beim Konzert von New Order. Leider gibt es einen Satzanfang, der dieses zarte Kartenhaus namens Euphorie regelmäßig zum Einstürzen bringt. Und der geht so: „Wusstest du eigentlich …“

Es sind die klassischen Worte der Besserwissenden, die einen Redeschwall aus hochtrabenden Kommentaren zum Sound, exklusivem Hintergrundwissen zur Band und kritischen Auswertungen ankündigen. Was dann oft bei prätentiösen Klugscheißereien wie „Lass uns mal Mitte/Mitte stehen, da ist einfach der beste Sound“ anfängt, endet ganz schnell beim Profilieren erster Klasse. Zugegeben, als bekennender Musikgeek finde ich mich manchmal selbst in dieser Rolle wieder, doch seitdem ich mein Nerdtum zum Beruf gemacht habe, bin ich plötzlich umgeben von Fachidioten mit einem unerschöpflichen Wissensschatz.

Konzertnervbirnen Besserwisser

Ihre Werkzeuge sind Anglizismen, Harmonielehre für Anfänger, Namedropping und Referenzen zu unzähligen anderen Shows, die allen demonstrieren, wie musikgewandt und ausgehfreudig man ist. Gesteuert vom Urtrieb der Prahlerei sehen sie es als ihre Pflicht, den Umstehenden mal mehr mal weniger neue Informationen an die Hand zu geben. Was auf den ersten Blick wie ein toller Newsservice wirkt, entpuppt sich schnell als eine „One WoMan Show“, die der der fatalen Annahme entspringt, dass die Konzertbesucher auch das Publikum der Besserwissenden sind. Und die sind sich für nichts zu schade, nichts ist ihnen unbekannt.

Vielleicht bin ich auch ein bisschen neidisch, dass ich meine Poleposition verloren habe, nicht mehr die Allwissende in der Menge bin und nun als Neuling ständig von Kolleginnen und Kollegen belehrt werde – obwohl ihre Meinung ohnehin kein Geheimnis ist und oft am Tag darauf mit nur wenigen Klicks im Netz zu finden ist. Deshalb hier mal ein Vorschlag als Friedensangebot (und damit ich endlich meine Ruhe vor euch habe): Macht doch ne Instastory draus! Denn es wäre doch wundervoll, wenn all die intelligenten Sprüche und humoristischen Anekdoten in Zukunft direkt ins Netz gesendet werden? Eure Follower warten sicher nur darauf, von euren Belehrungen beehrt zu werden.

Und ja – natürlich weiß ich, dass New Order aus Joy Division entstanden sind. Jeder auf diesem Konzert wusste das.


Alle Folgen der Kolumne „Konzertnervbirnen“ findet ihr hier.

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