Musik

Mariybu im Interview über ihr neues Album „FRECH“, Community auf der Tanzfläche, Wut als kreative Kraft und den Mut, frech zu sein
Mit kompromisslosen Hyperpop-Beats, feministischen Punchlines und einer Live-Energie, die irgendwo zwischen Moshpit, Community und Eskalation liegt, gehört Mariybu aktuell zu den spannendsten Stimmen der deutschen Club- und Poplandschaft. Zwischen harten Club-Sounds, satirischen Texten und gesellschaftskritischen Themen schafft sie es, Empowerment und Party mühelos miteinander zu verbinden – laut, direkt und komplett unapologetic.
Mit ihrem neuen Album „FRECH“ schlägt Mariybu das nächste Kapitel auf. Die Platte vereint persönliche Geschichten, Wut, Humor und überspitzte Gesellschaftskritik zu einem Sound, der gleichermaßen zum Tanzen wie zum Nachdenken anregt. Passend dazu geht es im Herbst 2026 auf große „FRECH“-Tour, bei der Fans nicht nur Konzerte, sondern echte Community-Abende erwarten dürfen.
Im Interview mit Ticketmaster spricht Mariybu über ihre ersten Konzerterfahrungen, den Einfluss der Berliner Clubszene auf ihren Sound, die Bedeutung von Wut als kreativen Antrieb und darüber, warum ihre Shows vor allem eins sein sollen: ein sicherer Raum zum Ausrasten, Feiern und Zusammenkommen.
Erinnerst du dich noch an das erste Konzert, auf dem du selbst warst? Und hat dich das vielleicht auch inspiriert, selbst auf die Bühne zu treten?
Also an das allererste Konzert, auf dem ich war, erinnere ich mich, glaube ich, gar nicht mehr richtig. Ich war wohl mal auf einem Rolf-Zuckowski-Konzert, als ich noch sehr klein war. Aber angefangen, Musik zu machen, habe ich tatsächlich wegen eines Konzerts.
Das war mein erstes Hip-Hop-Konzert. Da standen drei FLINTA*-Personen auf der Bühne, die komplett abgefuckt waren und die ganze Zeit alles kritisiert haben – Mittelfinger hier, Mittelfinger da. Ich fand das einfach so geil, dass ich dachte: „Boah, ey, das will ich auch machen.“
Ich bin danach direkt nach Hause gegangen und habe meinen ersten Text geschrieben. Eine Woche später habe ich mich mit der Person getroffen, auf deren Konzert ich war. Ich habe ihr geschrieben: „Hey, ich bin auch Musikerin.“ Das stimmte damals zwar noch nicht wirklich, aber wir haben uns getroffen und sie hat mich direkt zu ihrem nächsten Gig mitgenommen. Sie meinte dann: „Ey, dein Song ist cool, willst du den spielen?“ Dann habe ich dort gespielt – und wurde direkt gebucht.
Dadurch musste ich Songs schreiben, um den Slot zu füllen, und so kam eins zum anderen. Also angefangen hat wirklich alles mit diesem Konzert.
Deine Musik ist ja sehr energetisch und hat viele Hyperpop-Elemente. War das schon immer das, was dich an Live-Musik fasziniert hat – dieses Schnelle und Energiegeladene?
Ich habe ja ursprünglich mit Deutschrap angefangen. Das war auf jeden Fall energetisch, aber noch nicht so schnell. Relativ schnell habe ich aber gemerkt, dass ich meine Musik so machen will, dass sie live einfach Spaß macht und eine Party ist.
Wenn ich Songs schreibe oder produziere, denke ich zuerst daran, wie sie live funktionieren würden. Erst danach kommt die Frage, wie Leute den Song generell hören. Ich komme total aus dem Live-Kontext und glaube, deshalb mache ich auch so schnelle Musik – weil es live einfach komplett eskaliert. Ich liebe das, wenn meine Konzerte eine Party sind.
Erinnerst du dich noch an deine erste eigene Show? Wie war das Gefühl, zum ersten Mal selbst auf der Bühne zu stehen?
Das war damals mit der Rapperin Finna, auf einem Geburtstag von FemRap – einem feministischen Verein in Hamburg. Da waren direkt ungefähr 200 Leute, also für das erste Konzert schon ziemlich groß.
Ich war aufgeregt, aber gleichzeitig irgendwie auch nicht. Ich stehe schon gerne im Mittelpunkt. Ich habe mich einfach total wohlgefühlt. Nach dem Song dachte ich direkt: „Schade, dass es schon vorbei ist, ich würde gern noch einen spielen.“
Da wusste ich sofort: Ich will mehr live spielen. Es war einfach eine total positive Erfahrung, auch weil das Publikum mega lieb war. Es waren ausschließlich FLINTA*-Personen da, die mir total wohlgesonnen waren. Das war einfach der perfekte Einstieg.
Mariybu – FRECH Tour 2026 | Deutschland-Termine
- 24.09.2026, Köln – Club Bahnhof Ehrenfeld
- 26.09.2026, Frankfurt am Main – Zoom Kantine
- 27.09.2026, Göttingen – Musa
- 02.10.2026, Leipzig – WERK 2–Kulturfabrik
- 04.10.2026, München – Ampere
- 08.10.2026, Hannover – 60er-Jahre Halle
- 09.10.2026, Karlsruhe – Substage
- 10.10.2026, Freiburg – Jazzhaus
- 16.10.2026, Hamburg – Uebel & Gefährlich
- 17.10.2026, Bremen – Kulturzentrum Lagerhaus
- 18.10.2026, Münster – Skaters Palace
- 07.11.2026, Berlin – Festsaal Kreuzberg
Tickets gibt es jetzt hier bei Ticketmaster!
Erinnerst du dich auf der anderen Seite auch an deinen chaotischsten oder schlimmsten Gig?
Der schlimmste Gig war definitiv der, bei dem ich auf der Bühne verprügelt wurde. Ein Nazi ist damals auf die Bühne gestürmt und hat auf mich eingeschlagen. Die Security war zwar direkt da, aber nicht schnell genug, um das komplett zu verhindern.
Das war auf jeden Fall das Schlimmste. Aber es ist mittlerweile vier Jahre her und ich habe das verarbeitet. Klar kann man Angst haben, aber ich lasse mir davon auch nicht alles kaputt machen. Es ist passiert – und jetzt mache ich trotzdem weiter.
Du spielst inzwischen nicht nur Clubshows, sondern auch große Festivals wie Splash! oder Heroes. Was ist für dich der größte Unterschied zwischen Club- und Festivalshows?
Früher mochte ich kleinere Clubshows lieber, weil dort hauptsächlich meine Fans waren und die Stimmung einfach intimer war. Mittlerweile habe ich aber zum Glück auch auf Festivals viele Fans vor der Bühne, deshalb könnte ich gar nicht mehr sagen, was ich lieber mag.
Festivals haben einfach diese krassen Momente. Auf der Fusion habe ich zum Beispiel nachts vor 7000 Leuten gespielt und Fans haben während meines Sets ein Feuerwerk in der Crowd organisiert. Das geht natürlich in einem Club nicht.
Aber Clubs haben dafür dieses Schwitzige, Enge und Intensive. Ich glaube, ich bin einfach froh, dass es beides gibt.
Deine Shows wirken online sehr empowernd und befreiend. Ist das auch die Intention, mit der du auf die Bühne gehst?
Ja, total. Dafür mache ich die Musik auch. Natürlich mache ich sie zuerst für mich selbst, aber wenn ich darüber nachdenke, wen ich erreichen will, dann sind das FLINTA*-Personen, Queers, Allies – einfach Leute, mit denen ich selbst gerne befreundet wäre.
Es freut mich total, wenn ich Menschen empowern kann. Aber manchmal funktioniert das auch nicht. Gerade früher hatte ich Festivalshows, bei denen Leute überhaupt nicht verstanden haben, worum es geht oder mich sogar scheiße fanden. Da habe ich irgendwann aufgehört, empowernde Ansagen zu machen und einfach nur noch durchgezogen.
Es hängt eben auch immer von der Crowd ab und welche Dynamik entsteht.
Was macht denn eine gute Crowd für dich aus?
Eine gute Crowd ist für mich erstmal eine Crowd mit vielen FLINTA*-Personen. Außerdem sollten die Leute respektvoll miteinander umgehen – selbst wenn es Moshpits gibt.
Ich liebe es, wenn Leute komplett ausrasten, aber trotzdem aufeinander achten. Genau das passiert mittlerweile oft auf meinen Konzerten und das macht mich extrem glücklich.
Außerdem mag ich es, wenn die Crowd aufmerksam ist. Ich hatte schon öfter Situationen mit älteren Typen in der ersten Reihe, die einfach nur von unten gefilmt haben und offensichtlich aus den falschen Gründen da waren. Manchmal habe ich die selbst rauswerfen lassen, aber manchmal kamen auch Leute aus der Crowd und haben gesagt: „Ey, verpiss dich.“
Das ist für mich Community: aufeinander achten und gemeinsam feiern.
Du bist ja von Hamburg nach Berlin gezogen. Wie hat die Stadt deinen Sound geprägt?
In Hamburg habe ich lange Hip-Hop gemacht und irgendwann angefangen, Hyperpop zu machen. Aber dort gab es kaum Leute oder Partys dafür. Ich konnte mich einfach nicht connecten.
In Berlin habe ich dann die Leute, die Partys und die Szene gefunden. Dadurch wurde mein Sound extremer, schneller und vielfältiger. Berlin gibt mir das Gefühl, dass alles möglich ist. Man kann Sounds mischen, bei denen alle sagen würden: „Das passt doch gar nicht zusammen“ – und plötzlich funktioniert es trotzdem.
Du verbindest harte Club-Sounds oft mit sehr persönlichen oder gesellschaftlichen Themen. Wie schwer ist es, diese Verletzlichkeit mit so einem energetischen Sound zu verbinden?
Mittlerweile fällt mir das gar nicht mehr schwer. Ich liebe diesen Widerspruch sogar.
Ich finde es total spannend, wenn Leute erst komplett auf einen Beat abgehen und dann plötzlich eine Zeile hören und merken: „Warte mal – was meint sie damit?“ Diesen Moment liebe ich. Wenn das Lachen kurz einfriert oder plötzlich etwas anderes mitschwingt.
Ich spiele total gerne mit dieser Mischung aus Eskalation und Inhalt.
Dein Album „FRECH“ erscheint am 14. Mai. Wie fühlst du dich gerade?
Ich bin super aufgeregt – aber eher positiv aufgeregt. Alles, was die letzten Monate passiert ist, war schon viel mehr, als ich erwartet hätte.
Früher hat man vielleicht zwei Singles veröffentlicht und dann das ganze Album. Heute kennt man vorher schon einen Großteil davon. Die Leute wissen also ungefähr, wie das Album klingt und die Resonanz ist schon jetzt richtig gut. Deshalb freue ich mich gerade hauptsächlich einfach darauf.
Warum ist „Frech“ der perfekte Albumtitel?
Mir wurde das Wort „frech“ tatsächlich oft von Männern entgegengeworfen – online oder auch privat. So nach dem Motto: „Wie frech bist du eigentlich?“ oder „Was denkst du, wer du bist?“
Irgendwann dachte ich mir einfach: Ja, stimmt. Ich bin frech. Und? Das bin halt ich.
Im Endeffekt haben mir genau diese Leute den Albumtitel gegeben.
Ist das Album für dich auch ein Ventil für Wut und Frustration?
Absolut. Mehr, als man vielleicht denkt. Mittlerweile gehe ich mit Verzweiflung oft über Satire um – und genau das ist das Album.
Bis auf „Nicht alle Männer“ sind die Songs eigentlich überspitzte Satire und halten Leuten einen Spiegel vor. Ich merke einfach, dass Dinge heilen können, wenn man irgendwann darüber lachen kann.
Das Album ist für mich ein Coping-Mechanismus: Scheiße in Humor verwandeln.
Du hast mal gesagt, dass Wut ein Motor sein kann. Was meinst du damit?
Ich hatte früher Depressionen. Da war viel Schwere, Traurigkeit und Antriebslosigkeit. Irgendwann kam dann die Wut – und plötzlich habe ich angefangen, Dinge zu verändern.
Ich habe Musik gemacht, meine Sachen geregelt, bin umgezogen. Wut war der Motor dafür. Wenn ich wütend bin, will ich etwas ändern. Traurigkeit oder Ohnmacht lähmen mich eher.
Deshalb liebe ich mittlerweile dieses Gefühl. Wut gibt mir Kraft und Stärke. Gerade weil weiblich sozialisierten Menschen oft beigebracht wird, dass Wut etwas Schlechtes sei.
Für mich war es total wichtig zu merken: Wut kann auch etwas Gutes sein.
Was können Fans von der „Frech“-Tour erwarten?
Es wird auf jeden Fall mehr als nur ein Konzert. Das ist bei mir zwar immer so, aber diesmal nochmal stärker.
Wir planen zum Beispiel eine Singlebörse vor Ort, weil mir in den letzten Jahren so viele Queers erzählt haben, dass sie auf meinen Konzerten Leute kennengelernt haben. Da dachte ich: Warum nicht direkt Raum dafür schaffen?
Außerdem wird es viel Interaktion mit dem Publikum geben, kleine Spiele auf der Bühne und ein ziemlich wildes Bühnenbild. Ich tüftele gerade auch wieder an Outfit-Changes und sogar daran, Licht in meinen BH einzubauen, damit quasi Licht aus meinen Nippeln kommt.
Es wird auf jeden Fall komplett eskalieren.
Hast du einen Song, auf den du dich live besonders freust?
„ALPHA FEMINIST“ macht live extrem Spaß. Vor allem das Ende mit den Hardstyle-Kicks. Ich schreie dann „Alpha“ und das Publikum antwortet mit „Feminist“ – und alle rasten komplett aus.
Aber ehrlich gesagt freue ich mich auf das ganze Album live.
Hast du das Gefühl, dass sich in der Musikindustrie gerade etwas verändert?
Ja, auf jeden Fall. Künstlerinnen wie Ikkimel nehmen gerade extrem viel Raum ein und schaffen Sichtbarkeit. Dadurch trauen sich immer mehr FLINTA-Personen, genau diese Art von Musik zu machen und laut zu sein.
Natürlich gibt es immer noch alte Strukturen im Hintergrund und manchmal wirkt es nach außen progressiver, als es tatsächlich ist. Aber insgesamt verändert sich definitiv etwas.
Vor fünf oder sechs Jahren hat das alles noch viel weniger Anklang gefunden. Und jetzt passiert plötzlich richtig viel. Das merkt man total.
Mit wem würdest du in Zukunft am liebsten mal einen Song machen?
Darf ich groß denken? Dann definitiv Charli XCX. Wenn ich mal ein Feature mit Charli hätte, könnte ich eigentlich aufhören, Musik zu machen. Dann hätte ich alles erreicht.
Zum Schluss noch eine kleine random Frage: Was war das Frechste, das du je gemacht hast?
Direkt nach dem ersten Song einen Typen aus der ersten Reihe nach Hause zu schicken, weil ich mich mit ihm unwohl gefühlt habe.
Einfach zu sagen: „Weißt du was? Ich fühle mich nicht wohl mit dir, du gehst jetzt.“ Security hat ihn rausgebracht und er durfte nicht mehr rein.
Das hat sich wirklich frech angefühlt – aber auf eine gute Art. Genau wie das Album. Dieses Gefühl von: Wir bestimmen die Regeln und nehmen uns unseren Raum.


