Musik

The Weeknd veröffentlicht neues Album „After Hours“

Mit seinem vierten Album "After Hours" schreibt The Weeknd seine Erfolgsgeschichte weiter und das auf seine ganz eigene Art. Im Herbst 2021 kehrt der Kanadier auf die Live-Bühnen zurück.

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Der Kanadier Abel Tesfaye alias The Weeknd ist einer der interessantesten, meistgestreamtesten, rätselhaftesten und erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Und das obwohl er sich gerne extrem rar macht – und dann plötzlich wieder in einem hippen Mercedes-Werbespot rumsteht. Ein Blick auf einen enigmatischen Künstler, der mit seinem neuen Album „After Hours“ mal wieder den Popsound der Jetztzeit definieren wird. Daniel Koch hat sich für die April-Ausgabe des Applause-Magazins mit dem Phänomen The Weeknd und dem neuen Album näher beschäftigt.

Hört hier das neue Album „After Hours“:

The Weeknd: Überall & Nirgends

Man darf sich als Musikjournalist*in ruhig ein wenig sorgen, wenn ein „Starboy“ wie The Weeknd daherkommt. Abel Tesfaye hat es zwar nicht ganz ohne die Presse bis auf den Pop-Olymp geschafft, aber er war in der Hinsicht stets, nun ja, freundlich formuliert: passiv.

Seit er im Jahr 2011 als der neue heiße Scheiß gehandelt wurde – unter anderem wegen seines fantastischen Mixtapes „House Of Ballons“ und seinem prominenten Fan Drake – hat Abel Tesfaye gerade mal eine Handvoll Interviews gegeben. 2015 sprach er zum Beispiel mit dem amerikanischen Rolling Stone und gestand eher schüchtern: „Ich habe damals keine Interviews zugelassen, weil ich diese Unsicherheit habe. Ich bin einfach von der Rolle, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der total gebildet ist. Die Menschen sollten nicht denken, dass ich dumm bin.“

Dazu muss man wissen, dass Abel, der in Toronto als Sohn äthiopischer Einwanderer aufwuchs, mit 17 die Schule schmiss und ein paar Jahre mehr schlecht als recht durch seine Heimatstadt driftete – oft kiffend, manchmal auf der Straße schlafend, hin und wieder im Supermarkt klauend. Aber Abel merkte auch schnell, dass es ihm gar nicht mal schadete, wenn er kaum öffentlich sprach. „Man mochte mich einfach, weil ich dieser verrückte Typ war, der niemandem geantwortet hat“, sagte er dem Rolling Stone.

Vor zwei Jahren zierte The Weeknd dann das Cover des renommierten Time Magazines, als einer der „Next Generation Leaders“ und gewährte eine kurze Audienz in seinem Haus in Calabasas im kalifornischen San Fernando Valley – einer jener Orte, in denen sich viele Hollywood- oder Pop-Größen zurückziehen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen. Der Time-Autor beschrieb die The-Weeknd-Taktik sehr treffend und nannte es „hiding in plain sight“. In dem Gespräch sagte Abel Tesfaye, er könne niemals ein TV-Interview geben, er würde sich vermutlich vor lauter Nervosität übergeben.

Dass The Weeknd mit dieser Taktik durchkommt, liegt erstaunlicherweise an seiner Musik. Bei ihm kommen nämlich zwei Komponenten zusammen, die alles andere als selbstverständlich sind: Fantastischer Weltruhm, der auf wirklich fantastische Musik trifft. Es mag in Sachen Fame geholfen haben, dass The Weeknd eine Weile Supermodel und Instagram-Celebrity Bella Hadid datete und eine Weile mit Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez liiert war (sein düsteres 2018er-Mini-Album „My Dear Melancholy“, das er 2018 nach der Trennung veröffentlichte, zeigt ganz gut, wie down er sich danach fühlte), aber tatsächlich besorgte die Musik von The Weeknd von Anfang an den Hype.

Schon die ersten Mixtapes, die 2012 als „The Trilogy“ offiziell veröffentlicht wurden, hatten dutzende perfekte, melodische, lyrisch abgründige, schillernd gesungene Geschichten von Sex, Drugs und den Abgründen der Liebe und des Lebens, die zwischen Pop und R’n’B changierten und mit ihrer sehr eigenen Produktionen auch die Indie-Kids abholten. Man höre nur den Siebeneinhalb-Minüter „The Party & The After Party“ oder die Ballade „Rolling Stone“ und man weiß, wie gut The Weeknd ist. Über seine allererste Live-Show in dieser Zeit, im Juli 2011 im Mod Club in Toronto, schrieb ein Kritiker, sie sei „besser als der Hype“ gewesen und „besser als die Drogen“, die The Weeknd besingt.

Seitdem hat sich Abel Tesfaye Jahr für Jahr weiterentwickelt und sich dabei nicht einmal auf seinem Ruhm ausgeruht. Er mag nicht den Schulabschluss haben, den er haben wollte, aber wenn es darum geht, das Lebens-, Liebens- und Leidensgefühl der Millennials in Hits zu gießen, macht ihm keiner was vor.

All seine Alben strotzen vor Talent, sei es „Kiss Land“ (2013), „Beauty Behind The Madness“ (2015), oder „Starboy“ (2016), mit dem er nicht nur Platz 1 der US-Charts belegte, sondern auch Platz 1 der iTunes-Charts in sage und schreibe 90 Ländern. Mit Über-Hits wie dem von Daft Punk produzierten „Starboy“, „Can’t Feel My Face“ oder „Earned It“ zählt er zu den am meisten gestreamten Künstlern unserer Zeit.

Daran wird sich auch mit dem neuen Album „After Hours“ nix ändern, das Ende März erscheint. Drei Singles sind zu Druckschluss schon fertig und die haben es mal wieder in sich. „Heartless“ zum Beispiel: ein brummender, brutal auf catchy getrimmter Hit, in dem er das totale koksbetäubte, „Pussys“ jagende Arschloch gibt. Und warum? „’Cause I’m heartless / And I’m back to my ways ‚cause I’m heartless / All this money and this pain got me heartless.“

„Blinding Lights“ wiederum klingt, als hätte The Weeknd in letzter Zeit viel The Cure und Depeche Mode gehört und wolle sie den Kids näherbringen. Der Song beschallt zudem gerade einen ziemlich guten Werbeclip für den E-Motor-betriebenen EQC von Mercedes, in dem The Weeknd auch die Hauptrolle spielt.

Das Titelstück des Albums „After Hours“, auf dem er mit blutiger Nase in die Kamera grinst, ist atmosphärischer, verhallter Slo-Mo-Pop, der wie aus der Zeit gefallen klingt. Die allgegenwärtige Traurigkeit dieser Lieder entspringe seinem gerade recht einsamen Leben, wie Abel in seinem letzten Mail-Interview für das Modemagazin CR Men verriet: „Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit alleine. Ich mag es gerade nicht, mein Haus zu oft zu verlassen. Das ist Fluch und Segen zugleich, aber es hilft mir, meiner Arbeit die uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu geben. Ich mag es, ein Workaholic zu sein. Ich bin süchtig danach. Ich schätze auch, weil es mich von meiner Einsamkeit ablenkt.“

Zum Glück kommt The Weeknd aber immer noch hin und wieder raus. Zuletzt konnte man ihn zum Beispiel im sehr guten Film „Uncut Gems“ von den Safdie Brothers sehen, wo er eine überzeichnete Version seiner selbst spielt und sich mit Hauptdarsteller Adam Sandler kloppen darf. Und dann ist da natürlich noch die große Welttournee im Herbst 2020, die ihn auch nach Deutschland führt.

Wer The Weeknd schon mal live gesehen hat, weiß dass auch auf der Bühne der Workaholic durchkommt: Das Bühnendesign ist stets futuristisch, das Licht phänomenal, die Band nicht unbedingt groß, aber perfekt eingespielt – und hier mal ausdrücklich im Mittelpunkt und Scheinwerferlicht: Ein Abel Tesfaye, der mühelos mit seiner Stimme und seinem geheimnisvollen Charisma auch die größte Halle ausfüllen kann.

The Weeknd 2021 live in Deutschland: