Musik / Interview

#StayAtHome Interview: Anna Depenbusch

Wie geht eine Liedermacherin mit der aktuellen Lage um? Und wie steht es um die Liebe in Zeiten von Corona und Kontaktverboten? Simone Wendel hat mit Anna Depenbusch über ihre Songs, das Album "Echtzeit", ihre verschobende Tour und vieles mehr gesprochen. Fotos: Steven Haberland

Was genau ist ihre Musik eigentlich? Pop, Chanson, Liedermacher oder Singersongwriter? Anna Depenbusch lässt sich lieber nicht festlegen. Genres stören nur die Freude an der Musik, findet sie. Aber es geht immer um die Liebe, in all ihren Facetten. Auch auf ihrem neuen Album „Echtzeit“, dass sie im Herbst auf der gleichnamigen Tour live vorstellen wird. Simone Wendel sprach mit Anna Depenbusch über die Liebe in den Zeiten von Corona, Sofa-Sport, Keller-Lyrik und das böse B-Wort.

Sie widmen sich in den Liedern Ihres neuen Albums „Echtzeit“ wieder einmal der Liebe in ihren ganz verschiedenen Facetten. Es geht um Beziehungen 2.0, Neuanfänge, Liebeskummer und Midlife-Crisis. Lassen Sie uns über die Liebe in den Zeiten – nicht von Cholera – sondern von Corona sprechen. Was machen Covid-19 und Homeoffice mit der Liebe?

Anna Depenbusch: Oh, das kann ich ganz schlecht einschätzen. Normalerweise schöpfe ich neue Ideen für Liebeslieder aus meinem Umfeld. Ich sitze im Café, in der Bahn, im Museum oder draußen auf einer Parkbank und beobachte Menschen. Frisch Verliebte, Familien mit Kindern, Kumpels beim Sport. Ich stelle mir ihre Geschichten vor und worüber sie sich wohl unterhalten. Mir fallen Gesten und kleine Berührungen auf. Das inspiriert mich und regt meine Fantasie an. Jetzt zu Corona-Zeiten fällt das anonyme Untertauchen in einer Menschenmenge, das ich so liebe, komplett weg. Was das genau mit der Liebe macht, kann ich nicht sagen. Was es mit der Liedermacherin macht aber schon: Es herrscht absolute Flaute in kreativen Liebeslied-Dingen!

Sind Sie Romantikerin oder Realistin? Werden wir nach der Pandemie mehr Neugeborene oder mehr Scheidungen erleben?

Anna Depenbusch: Mir gefiel da eine Statistik aus der Zeitung sehr gut. Es ging darum, welches Land was in der Krise besonders einkauft und hortet. Die Deutschen hamstern demnach Klopapier und Nudeln – die Franzosen Rotwein und Kondome. Ob´s nun stimmt oder nicht. Man wundert sich über den Klopapier-Nudel-Wahn der Deutschen. Ich tippe also auf mehr Neugeborene, denn die Kondome haben wir ja auf der Einkaufsliste vergessen.

Und wie erleben (Großstadt-)Singles die Zeit der Ausgangsbeschränkungen?

Anna Depenbusch: Also mein Nachbar macht jetzt mit einer Fitness-App täglich ganz viel Sport Zuhause. Ich höre das immer durch die Wand, während ich gemütlich auf dem Sofa liege. Ich fühle mich dann selbst direkt viel fitter nur vom Zuhören. Voll gut!

Ihre Tour wurde Corona-bedingt um einige Monate verschoben. Werden wir im Herbst mit Sicherheitsabstand und leeren Plätzen zwischen uns in den Konzertsälen sitzen oder werden wir uns eng aneinander gekuschelt zu Ihren Liedern an den Händen halten und uns durch selbstgenähte, lustig-bunte Atemschutzmasken küssen?

Anna Depenbusch: Puh, da wage ich ehrlich gesagt noch keine Prognose… Wir werden auf jeden Fall, so oder so, einen Weg finden, uns gegenseitig zu berühren. Wenn nicht direkt körperlich, dann zumindest emotional. Davon bin ich fest überzeugt und wir werden viel und herzhaft lachen. Ob nun durch eine Schutzmaske durch oder frei heraus. Humor wäre meine große Empfehlung für die kommende Zeit. Im Herbst auf meinen Konzerten will ich mein Publikum auch viel zum Lachen bringen. Das weckt die Lebensgeister und stärkt das Immunsystem.

In einem Hamburger Café, dessen Toiletten sich in einem dunklen Keller befinden, haben Sie auf dem Treppenabsatz mal ein Schild entdeckt, auf dem steht: „Gehen Sie mutig ins Dunkle weiter. Irgendwann wird Licht.“ Eine Zeile, die gut in unsere Zeit passt…

Anna Depenbusch: In der Tat! Mir gefällt dieses Bild sehr. Einfach erstmal Schritt für Schritt weitergehen, auch wenn man noch nicht genau sieht wohin. Ich glaube, so geht es im Moment allen. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald wieder Licht erkennen können.

Beflügelt Sie der Winterschlaf, in den die Welt gefallen zu sein scheint oder leiden Sie momentan an einer akuten Schreibblockade?

Anna Depenbusch: Ich bin jetzt gerade viel zu neugierig, wie meinem Publikum die neuen Lieder von meinem gerade erschienenen Album live im Konzert gefallen. „Echtzeit“ ist ja noch ganz jungfräulich und will erstmal raus in die Welt und Erfahrungen sammeln. Ich feile zurzeit also an meinem Live-Programm, spiele viel Klavier und überlege mir kleine Überraschungen für die Bühne, die ich dann bei den Konzerten ausprobieren werde.

Anna Depenbusch Interview

In dem Titel „Alte Schule“ aus Ihrem neuen Album „Echtzeit“ gestehen Sie, mit Modernismen wenig anfangen zu können: „Die neuen Spiele / der Liebesprofile / verfehlen meiner Meinung nach / sämtliche Ziele.“ Tinder und Dating-Portale wären nichts für Sie?

Anna Depenbusch: Nein, Tinder und Online-Datings sind nichts für mich. Mein Smartphone langweilt mich wahnsinnig schnell. Diese glatte Oberfläche hat keinen Reiz für mich. Da fände ich analoges Speed-Dating in Echtzeit viel lustiger. Die Nase verliebt sich doch mit! Ich habe aber nicht generell etwas gegen Modernismen! Besonders mit naturwissenschaftlichen Innovationen kann ich viel anfangen. Ich interessiere mich für Moderne Physik. Quantencomputer und Teilchenbeschleuniger faszinieren mich.

Ihr Hamburger Geheimtipp fürs Kennenlernen in Echtzeit?

Anna Depenbusch: Der Science-Slam im Übel & Gefährlich! Höchste Zeit, dass der wieder stattfindet.

Ihr Protagonist Tim aus dem Liebesreigen-Lied „Tim liebt Tina“ ist in der Lied-Fortsetzung „Tim 2.0“ in der Midlife-Crisis angekommen. Als Marathon-laufender Manager. Haben Sie bei sich schon allererste Anzeichen einer Midlife-Crisis festgestellt?

Anna Depenbusch: Oh ja, ich bin neulich aufgewacht und habe festgestellt, dass aus mir niemals mehr eine Astronautin oder eine Ballerina werden wird. Der Zug ist für immer abgefahren. Da habe ich dann eine tiefe Traurigkeit und Vergänglichkeit in mir gespürt. Aber solche Kontraste gehören zum Leben dazu und genau über solche Gefühle singe ich auch in meinen Liedern.

Ich will nicht nach der realen Vorlage für Tim fragen… aber haben Ihre Freunde manchmal eigentlich ein kleines bisschen Angst, wenn ein neues Album erscheint? Sie finden bestimmt viele ihrer Themen in Ihren Chansons wieder…

Anna Depenbusch: Natürlich! Tim* (*Name wurde von der Urheberin geändert) hat mich sogar neulich gefragt, ob er jetzt zum Zumba gehen soll, oder was das Lied jetzt genau für ihn bedeutet. Aber die Grenzen müssen verschwimmen. Es darf nie eins zu eins erzählt sein. Das wäre trivial. Es macht mir Spaß, in Rollen zu schlüpfen und die Perspektiven zu drehen. Am Ende erkennt sich jeder in jedem ein kleines bisschen wieder.

In einem Interview äußerten Sie den Plan, erst mit 75 heiraten zu wollen. Würden Sie es sich eventuell doch noch einmal überlegen, wenn Ihnen der Richtige jetzt, in dieser durchgeschüttelten Welt, einen Antrag machte? Oder muss er tatsächlich 33 Jahre warten?

Anna Depenbusch: Mit der Hochzeit muss er warten. Aber trotzdem hat er mich ja jetzt schon voll und ganz! Mir gefällt die Vorstellung, erst mit 75 zu heiraten und bis dahin Fräulein Depenbusch zu sein.

Verraten Sie uns zum Schluss bitte noch unbedingt, was eigentlich eine „Old-School-Bitch“ auszeichnet, so im Gegensatz zur Jetzt-Zeit-Bitch?

Anna Depenbusch: Das B-Wort hab ich nie gesagt 😉


Anna Depenbusch: Live-Termine 2020

Die „Echtzeit-Tour“ von Anna Depenbusch wurde in den Herbst 2020 verschoben. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit für die neuen Termine. Wer noch keine Karten hat und dabei sein möchte, findet hier Tickets bei Ticketmaster.

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Interview: Simone Wendel

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