Musik / Interview

Anna Ternheim im Gespräch zum neuen Album und zur Tour

Das Leben der Schwedin ist voller Zwischenstationen und Provisorien. Wirklich bei sich aber ist Anna Ternheim auf ihrem neuen Album „A Space For Lost Time“. APPLAUSE-Autor Steffen Rüth traf sie zu einem Gespräch über Selbstzweifel, das Auseinanderdriften, die Wichtigkeit eines guten Morgenkaffees und ihre kommende Tour. (Foto: Chris Shonting)

Schlecht ist er nicht, der Kaffee, den man im Plattenfirmenbüro am Berliner Gendarmenmarkt serviert bekommt, schön kräftig und cremig, doch Anna Ternheim, die gekommen ist, um über ihr neues Album „A Space For Lost Time“ und die bevorstehende Tournee im Herbst 2019 zu sprechen, bleibt konsequent beim Wasser. „Kaffee trinke ich grundsätzlich nur bis mittags“, bekennt die Stockholmerin, das dann aber mit großer Leidenschaft. „Für viele von uns ist es ja bereits ein kühner Akt, morgens überhaupt das Bett zu verlassen. Für mich nicht. Ich liebe den Tagesanbruch und genieße es, aufzuwachen, nicht müde zu sein, mir meinen Kaffee zu machen und zu gucken, was der Tag bringt.“

Bei der Zubereitung ihres bevorzugten Heißgetränks ist sie indes flexibel. „Ich habe eine klassische Filterkaffeemaschine, manchmal mache ich ihn einfach auf dem Herd heiß, und ich besitze ein Gerät, das erst die Bohnen mahlt, deren Geruch ich übrigens sehr liebe, bevor es dann das Getränk zubereitet.“

„Kleinigkeiten geben meinem Leben Stabilität“

Der Clou: Anna Ternheim hält die entsprechenden Utensilien sowohl in ihrer Stockholmer Wohnung als auch in ihrem Appartement in Manhattan vor, denn wenn man schon so rastlos und in gewisser Weise unstet lebt wie die 41-Jährige, dann braucht man ein paar Konstanten, ein bisschen Verlässlichkeit. „Kleinigkeiten geben meinem Leben Stabilität“, so Anna, die seit elf Jahren etwa die Hälfte ihrer Zeit in Stockholm und im New Yorker East Village verbringt. „Aber was Menschen angeht, so haben sich meine Wünsche nach ultimativen Verbindungen oft nicht erfüllt. Das Flüchtige stand häufig über dem Beständigen.“

Anna Ternheim ist eine ruhige, sehr reflektierte Frau, und die Gedanken, die sie sich über ihr Leben macht, die fließen oft unmittelbar und ohne großartige Filter in ihre Lieder. Auf „Lost Times“ zum Beispiel, einem der vielen zumeist akustischmelancholischen Stücke auf dem neuen Album, horcht sie sich künstlerisch quasi ab. „Ich schaue beim Schreiben regelmäßig, wo ich mich eigentlich gerade befinde. Ob ich der Mensch bin, der ich sein will. Ob ich noch hinter getroffenen Entscheidungen stehe, oder ob ich nur zu träge bin, sie zu revidieren. Ob Arbeit, Wohnort und Beziehungsstatus noch passen.“

„Früher hatte ich große Ängste vor dem Versagen“

Momentan, so sagt sie, fühle sie sich wohl, ja sei geradezu glücklich. „Früher hatte ich große Ängste vor dem Versagen“, so Ternheim, die mit ihrem 2004 veröffentlichten Debütalbum „Somebody Outside“ zunächst in Schweden, wenige Jahre später auch bei uns, Erfolg und Anerkennung fand. „Mit den Jahren stelle ich fest, dass die Selbstzweifel geringer werden, ja fast schon verschwunden sind.“

Eine Auszeit in Südamerika vor einigen Jahren, aus der das 2017 erschienene „All The Way To Rio“-Album erwuchs, habe ihr gutgetan, ansonsten helfe auf dem Weg zur Selbstvergewisserung auch schlicht das Älterwerden. „Wenn du erstmal fühlst, dass das Leben nicht endlos ist, akzeptierst du eher, wer du bist und was du tust.“ Seit einigen Jahren würden Menschen sie so anschauen, „als dächten sie, ich wüsste Bescheid.“ Doch sein Dasein zu durchdringen, das ist nun einmal eine Lebensaufgabe.

Anna Ternheim stellt sich ihr auf „A Space For Lost Time“ mit vorwiegend ruhigen, eher zurückhaltend instrumentierten und melancholischen Liedern, die hin und wieder („Every Time We Fall“, „Walk Your Own Way“) auch mal etwas temporeicher sein können. Aufgenommen in Los Angeles mit Tom Monahan und in Stockholm mit Andreas Dahlbeck singt sie zumeist über
enttäuschte Hoffnungen, flüchtige Begegnungen, übers Hadern, Zaudern und Bereuen, letztlich aber auch darüber, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. „Rückblickend hätte ich manchmal mutiger sein können, gerade in der Liebe“, sagt eine nachdenkliche Anna Ternheim. „Ich habe Chancen verpasst, wir alle haben das. Doch es ist auch nie zu spät für neue Chancen.“

Sehr persönliches neues Album

In „You Belong With Me“ phantasiert sie sich die Liebe förmlich herbei, während „This Is The One“ davon handelt, nach Jahren eine Person wiederzutreffen, mit der man „eine freundschaftliche oder auch intimere Beziehung hatte und nun denkt, man stehe vor jemand komplett Fremdem. Doch das Auseinanderdriften gehört zum Leben, ich bin in der Hinsicht nicht sonderlich sentimental.“ Ternheim gibt zu, dass es meist sie selbst war, die Brücken zu anderen Menschen hochgezogen oder gar abgerissen habe („Ich war zum Teil ruchlos“), einige ihrer Stockholmer Freunde könnten bis heute nicht verstehen, dass sie damals nach New York ging. Zumindest das Verhältnis zu ihren Eltern und der Schwester sei unverändert eng. „Sie verstehen, dass ich dazu neige, immer weiterzuziehen.“

Und in New York hat sich Anna Ternheim, die gern das sogenannte „Nordic Noir“-Etikett aufgepappt bekomme, selbst aber in Sachen „dunkles Zeug“ mehr auf „Game Of Thrones“ und die Filme von Stanley Kubrick stehe, nach Jahren endlich etwas aufgebaut, das einem Freundeskreis nahekomme. „Manhattan ist voller Menschen, die auf Zwischenstation sind. Verbindliche Beziehungen sind besonders schwer zu knüpfen, viele New Yorker sind vom Alltag auch einfach zu erschöpft, um sich eng an andere Menschen zu binden. Doch seit einiger Zeit habe ich eine Art Ersatzfamilie gefunden. Wir sind eine Gruppe von Unverwurzelten, die zusammen Weihnachten und Ostern feiern.“

Manchmal braucht eben auch Anna Ternheim ein bisschen mehr Geborgenheit, als sie der Geruch von frisch gerösteten Bohnen bietet.


Anna Ternheim – Deutschland-Tour 2019

  • 31.10.2019 | Berlin – Kesselhaus
  • 01.11.2019 | Leipzig – Felsenkeller
  • 02.11.2019 | Dresden – Scheune
  • 04.11.2019 | Erlangen – E-Werk
  • 06.11.2019 | München – Technikum
  • 11.11.2019 | Frankfurt – Batschkapp
  • 12.11.2019 | Stuttgart – Im Wizemann
  • 14.11.2019 | Köln – Gloria
  • 25.11.2019 | Bremen – Schlachthof
  • 26.11.2019 | Hamburg – Gruenspan

Anna Ternheim Konzerte 2019

Hier gibt es Tickets für die Herbst-Tour von Anna Ternheim durch Deutschland!


Dieser Text von Steffen Rüth stammt aus der Oktober-Ausgabe des APPLAUSE-Magazins, das du hier kostenlos online lesen oder als Print-Ausgabe für 24,80 € im Jahresabo (inkl. Prämie) bestellen kannst.

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