Musik

Heinz Rudolf Kunze im Interview

Zum ersten Mal in seinem Leben kann eine Tour von Heinz Rudolf Kunze nicht wie geplant stattfinden. Das ist ein Schock für alle Beteiligten und für alle Fans. Die Konzertreise wird baldigst möglich nachgeholt. Im September gehen Heinz Rudolf Kunze & Verstärkung auf „Der Wahrheit die Ehre" Tour 2020. Simone Wendel sprach mit dem Rockpoeten (und frischgebackenen Opa) übers Händewaschen, Rolling Stones und Randy Newman, die besten Tage seines Lebens und seinen neugeborenen Enkel.
Fotos: Martin Huch

Infos zur Heinz Rudolf Kunze Tour

Momentan dichten viele Künstler ihre Songs um, in Songs zum Händewaschen: Liam Gallagher hat aus „Wonderwall“ „Wonderwash“ gemacht, bei Neil Diamond heißt eine Zeile von „Sweet Caroline“ nun „Hands, washing hands“ statt „Hands, touching hands“. Singen Sie sich auch etwas beim Händewaschen vor?

(Lacht) Ich finde es erstens sehr albern, in diesem Zusammenhang Lieder umzudichten. Ich weiß nicht, ob das wirklich witzig ist, oder ob es nicht vielleicht doch einen nötigen Ernst zu dieser Thematik vermissen lässt. Ich finde es ein wenig infantil, muss ich sagen (lacht). Nein, ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und ich bin sicher, dass ich mir immer zu kurz die Hände wasche.

Beeinflusst Corona Ihre Kreativität? Hängen Sie momentan in einer Schreibblockade fest oder beflügelt Sie dieser Winterschlaf, in den die ganze Welt gefallen ist, geradezu?

Nein, überhaupt keine Schreibblockade, ganz im Gegenteil. Ich habe die ganze erste Woche ununterbrochen geschrieben unter dem Eindruck dieser Situation, auch thematisch davon sehr abhängig. Inzwischen habe ich mich davon schon wieder gelöst und schreibe über alles Mögliche. Es ist ja so, dass Corona und die jetzt geltenden Empfehlungen und Einschränkungen mich in meinem Leben zu Hause wenig betreffen bzw. mein Leben wenig verändern – wenn ich nicht auf Tour bin! Dass ist dann natürlich ein massiver Einschnitt, dass ich nicht spielen kann und die Leute nicht sehen kann.

Aber wenn ich zu Hause bin, lebe ich immer wie ein Eremit. Ich lebe sehr, sehr zurückgezogen, ich lese viel, ich höre viel Musik, ich schreibe viel und ich gehe mit dem Hund raus. Das mache ich immer. Der einzige Unterschied ist jetzt, dass man es unter einem negativen Vorzeichen tut. Das heisst nicht mehr, das ist mein freiwilliges Leben, sondern: Du musst! Und das ist der große Unterschied. Das kennt man ja im Leben, wenn man plötzlich etwas nicht mehr nur darf, sondern muss, dann ist es einem auch etwas verdorben ab und zu. Ich erlebe die Zeit jetzt doch mit großen Gefühlsschwankungen, muss ich sagen. Manchmal wache ich morgens auf und finde es sehr schwer aus dem Bett aufzustehen. An anderen Tagen geht’s besser.

Heinz Rudolf Kunze
„Ich bin sicher, dass ich mir immer zu kurz die Hände wasche.“

Wie verläuft bei Ihnen der kreative Prozess? Sitzen Sie pünktlich morgens um acht am Schreibtisch und nehmen sich eine bestimmte Seiten- oder Zeilenanzahl vor?

Nee, ich nehme mir gar nichts vor. Das nimmt sich mich vor. Ich gehe in mein Arbeitszimmer, mache mir Musik an, lese. Dann kommen die Einfälle wie von selber. Ich mache da gar nichts, ich werde gefunden. Ich habe eine Antenne, ich bin ein Verschrifter. Ich bin wie ein Medium. Natürlich bin ich dann auch sehr vertieft und konzentriert glaube ich und auch schwer ansprechbar, wenn ich dabei bin und mich ein Einfall gefunden hat.

Aber eigentlich ist das eine sehr flüssige und schöne Art von Tiefe, die man da erreicht. Fast ein mystisches Gefühl. Wobei ich dann manchmal erst ganz am Ende, beim letzten Wort, mich schüttele wie ein nasser Hund und mich wundere, was das gerade gewesen ist und dann erst begreife, wovon es handelt. Beim Komponieren ist es anders. Da ist es Basteln und Probieren. Da muss man hingehen zum Klavier, zur Gitarre. Dinge ausprobieren, verwerfen, versuchen da eine Korrespondenz in Wort und Ton zu finden. Das hat für mich mehr den Charakter von Arbeit. Sprache, Schreiben kaum.

Wird Gitarrist Heiner Lürig bei der kommenden Herbst-Tour mit dabei sein?

Er ist… Ja, jetzt muss man das ja fallen lassen, das Wort: Er ist jetzt kein ÜBERRASCHUNGSGAST mehr. Er sollte Überraschungsgast sein. Inzwischen weiß es die halbe Welt. Durchs Internet kann man ja sowieso nichts mehr Geheim halten, dass er für ein paar Titel auf die Bühne springen wird. Aber er ist nicht Teil der Band, er ist wirklich Überraschungsgast. Momentan kämpfen wir darum, dass alle unsere Leute im Herbst auch können. Die haben ja auch andere Verpflichtungen bei anderen Künstlern. Wir sammeln gerade sozusagen die Schwüre ein, dass die Schwüre auch noch halten, dass die armen Kerlen dann im September auch zu mir stehen können und nicht woanders sein müssen.

Auf der nach unten offenen Richterskala der Absurditäten unterbietet sich Donald Trump täglich aufs Neue. Randy Newman hat letztes Jahr gesagt: „Ich habe so sehr versucht, ein Lied über Trump zu schreiben. Aber es geht einfach nicht.“ Fiele Ihnen ein Song ein?

Nein, ich habe in einigen Sprechtexten übel über dieses Monstrum gewütet. In Sprechtexten geht das. Aber Lieder sind mir dafür zu schade. Ich kann Newman völlig verstehen. Ich kenne ihn ja persönlich ganz gut, und habe mich oft mit ihm unterhalten und weiß genau, was in ihm vorgegangen ist. Das würde mir ganz genauso gehen. Ich gehöre ja zu den gesegneten Leute, die noch bei Hanns Dieter Hüsch lernen durften, war oft mit ihm zusammen und habe Radio mit ihm gemacht.

Und Hanns Dieter hat das so schön gesagt, ähnlich wie Randy: Mein Kabarett ist mir für die bösen Buben zu schade. Das heißt, er wollte auch in seiner Kunst nicht allzu viel Lästern über konkrete Tagespolitiker, sondern das Leben mehr am poetischen Detail erhellen und nicht dadurch, dass er – wie die Hildebrandt-Schule, die ich sehr ablehne, ständig mit der Zeitung auf die Bühne rennt: Haben Sie das schon über Strauß oder Kiesinger gelesen oder über Brandt oder über Wehner? Dieses Aasgeier-hafte Rumgehacke auf den Politikernamen. Das ist für mich schlechtes Kabarett.

Gutes Kabarett ist für mich Dichtung und das Erklären des Lebens aus Einzelheiten. Und bei Songs ist es eigentlich nur unwesentlich anders. Man möchte ja, das ein Song auch eine gewisse Wertigkeit und eine lange Zeit hat, in der man ihn bringen kann. Und wenn man Songs zu sehr festmacht an konkreten Politikernamen oder anderen Namen des Zeitgeschehens, dann läuft man Gefahr, dass der Song sehr schnell veraltet und schon nach kurzer Zeit klingt wie eine alte Zeitung. Und das möchte man natürlich vermeiden.

Heinz Rudolf Kunze

In Ihrem Song „Ich bin so müde“ aus Ihrem aktuellen Album „Der Wahrheit die Ehre“ lautet eine Zeile: „Ich bin so müde wie ein letzter Rolling Stone“. Stecken Ihnen fast 40 Jahre Musikbusiness so sehr in den Knochen?

Nein. Ich spiele da Möglichkeiten durch, müde zu sein. Ich fand einfach die Formulierung so witzig: „Wie ein letzter Rolling Stone“. Ich stelle mir einfach so vor, Charlie Watts, der ja schon seit 40 Jahren aussieht wie ein Skelett, wie der Tod selbst, bleibt alleine übrig und hat die anderen zu Grabe getragen. Und dann wird er wahrscheinlich noch müder aussehen als er heute schon beim Schlagzeugspielen aussieht.

In dem französischen Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ können Zeitreisen gebucht werden. Aber nicht mit einer Zeitmaschine. Sondern ein Filmproduzent baut dafür in seinem Studio mit Kulissen, Schauspielern und Musik einen Tag aus dem Leben seines jeweiligen Kunden nach. Der Hauptakteur entscheidet sich für das Jahr 1974, den exakten Tag, an dem er sich in seine Frau verliebt hatte. Wenn Sie zurückblicken: Gibt es einen einen einzigen Tag in Ihrem Leben, den Sie noch einmal erleben möchten?

Viele, Gott sei Dank! Ich bin ja nun schon 63 Jahre alt und das wäre ja ziemlich armselig, wenn ich nur einen Tag hätte, den ich noch mal erleben möchte. Abgesehen davon, dass es nicht gehen wird, habe ich doch viele schöne Tage erlebt. Viele schlimme auch. Es war schon eine ziemliche Achterbahnfahrt mein Leben. Aber auf einen Tag könnte ich das nicht eingrenzen. Nein, Nein, das wäre undankbar meinem Leben gegenüber.

Heinz Rudolf Kunze

Mein Lieblingsalter ist 17 oder 30. Gibt es ein Lieblingsalter oder einen Lebensabschnitt, das oder den Sie gerne noch einmal erleben würden?

Naja, sagen wir mal so. Ich lasse das mal offen. Ich würde schon gerne noch mal jung sein, aber nur mit dem Wissen von heute. Also, noch mal jung sein und noch mal so dumm sein und die gleichen Fehler machen… Nee, Danke! Dann lieber nicht. Aber noch mal jung sein und die Fehler von damals vermeiden können, das wäre natürlich optimal.

Helene Fischer und Adoro haben Ihr „Dein ist mein ganzes Herz“ aufgenommen. Sie haben das Lied auch schon im Duett mit Nicole gesungen. Für Nicole haben Sie schon Songtexte geschrieben. Es ist eine blöde Frage, die Sie vermutlich mit „Nein“ beantworten werden. Ich frage trotzdem: Ist der Rockpoet Heinz Rudolf Kunze ein heimlicher Schlagerfan?

Dass Helene Fischer und Adoro mein Lied aufgenommen haben, freut mich natürlich so wie mich jede Coverei eines anderen Künstlers freut. Es ist ja ein Zeichen, dass das Lied bei anderen Menschen auch wahrgenommen wird. Es ist einfach eine schöne Tatsache, mit der ich nichts zu tun habe, das hat sie ja gemacht, ohne mich zu fragen. Was sie natürlich gerne darf.

Und im Falle von Nicole: Nein, ich bin kein Schlagerfan. Aber ich bin nun mal, so paradox und so widersprüchlich ist dass Leben, mit Nicole befreundet seit Jahrzehnten und wir kennen uns gut und die Kleene hat mich – ich nenn‘ sie immer meine kleine Schwester – um den Gefallen gebeten und ich bin ein großer Bruder, der schlecht nein sagen kann.

Mit Ihrem aktuellen Album „Der Wahrheit die Ehre“ haben Sie im Februar das vielleicht politischste Album Ihrer Karriere veröffentlicht. Finden Sie es schlimm, wenn ich gestehe, das „Dein ist mein ganzes Herz“ immer noch mein absolutes Liebslingslied ist?

Nein, schlimm finde ich das überhaupt nicht. Es wundert mich nur. Weil ich der Meinung bin, dass ich hunderte bessere Lieder gemacht habe. Aber ich weiß, dass es vielen Leuten so geht und ich akzeptiere das. Das kann ja jeder entscheiden wie er möchte. Meins wäre es nicht, aber gut, ich nehme es zur Kenntnis und freue mich natürlich, dass Sie überhaupt ein Lieblingslied haben von mir (lacht).


Heinz Rudolf Kunze live 2020

  • 15.10.20 | Bremen – Kulturzentrum Schlachthof
  • 21.10.20 | Dortmund – Warsteiner Music Hall
  • 23.10.20 | Halle – Georg-Friedrich-Händel Halle
  • 24.10.20 | Chemnitz – Stadthalle (Großer Saal)
  • 26.10.20 | Berlin – Columbiahalle
  • 27.10.20 | Dresden – Alter Schlachthof

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Interview: Simone Wendel