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Applause Newcomer Check: Ein Treffen mit Wilhelmine

Die Sängerin Wilhelmine hat sich für einen spannenden Weg entschieden: Ihre Musik ist melodieverliebter, umarmender Deutschpop, der ins Radio will, doch während man so mitsummt, merkt man plötzlich, dass sie gerade von den Härten des Alkoholismus oder gegen Homophobie singt. Vor einigen Wochen trafen wir Wilhelmine zum Interview, das ihr hier nun lesen könnt.

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Am Freitag, den 24. April erscheint die neue EP „Komm wie du bist“ der Newcomerin Wilhelmine. Wer die junge Künstlerin noch nicht kennt, sollte das schnell ändern. Vor einigen Wochen hat sich Michael Schütz für die März-Ausgabe des Applause Magazins mit Wilhelmine getroffen. Außerdem fragten wir noch mal nach, wie sie gerade die #StayAtHome-Tage aktuell verbringt.

#StayAtHome Fragen an Wilhelmine

Kannst du kurz beschreiben, wie ein Tag bei dir gerade so aussieht?

Morgens Yoga und frischer Saft. Tagsüber versuche ich, so viel frische Luft zu kriegen, wie es geht. Und ich lese viel. Habe schon drei Romane durch.

Was ist dein Kulturtipp für die Quarantäne?

Das Buch „Unbox Your Life“ von Tobias Beck. Ansonsten lese ich gerade eine schnulzige Liebesroman-Reihe von Lucinda Riley.

Wie verändern sich deine Pläne durch die Krise?

Anstatt auf Tour zu sein, verbringe ich die Zeit zuhause, schreibe Lieder, lese Bücher und versuche kreativ zu sein.

Welche Musik hilft dir gegen den Wohnungskoller?

Heute habe ich die neuen Alben von The Weeknd und Dua Lipa gehört. Sonst bin ich eher die Podcasterin – von Prime Podcast zu Selbstoptimierung. Das ist ganz bunt durchmischt.

Was ist das erste, das du tun wirst, wenn dieser Irrsinn vorbei ist und wir wieder rausdürfen?

Ein Fest mit meinen Liebsten feiern! Mit schönem Ausblick und leckerem Essen. Am besten in einem schönen Garten.


Wilhelmine im Gespräch: Auf dem echten Weg

Es sollte ja schon lange selbstverständlich sein, dass eine junge Frau, oder unseretwegen auch eine ältere Frau, offen lieben kann. Und trotzdem weiß man ja, dass die Ewiggestrigen immer noch unterwegs sind, das Netz vollpöbeln oder einem auf der Straße mindestens böse Blicke zuwerfen. Wilhelmine hat diese Erfahrungen durchlebt, als sie eine Weile nicht in ihrer Heimatstadt Berlin, sondern in einem Dorf im Wendland gewohnt hat. Und sie hat ein Lied daraus gemacht. Das erste, das sie als Wilhelmine veröffentlichte. Darin singt sie: „Mein Honda Jazz in der Hofeinfahrt / Und all meine Sachen passen grad so da rein / Fühlt sich an als ob es mich zerreißt / Tausch‘ das Dorf mit ’ner großen Stadt /Und graue Fassaden gegen bunte Farben ein /So wie ich bin darf ich hier nicht sein.“ Und dann setzt der Refrain ein: „Ich verblieb‘ mich viel zu gern / Um mich dafür zu erklären / Wie es ist für mich / Mit einer Frau an meiner Hand.“

Es ist erstaunlich, wie dieser Song wirkt. Als wir ihn das erste Mal in der Redaktion hörten, dachten wir: „Och ja, guter Pop.“ Was gar nicht despektierlich gemeint war. Aber „Meine Liebe“ war einfach verdammt catchy. Sanft produziert, aber mit diesem Schmiss, den Mark Forster etwas überstrapaziert hat, der hier aber endlich wieder frisch wirkt. Widerstand zwecklos also – aber dann dieser Text. Hat man so bisher selten gehört. Und das gleich als erste Single – ist ja nun auch ein Statement.

Wilhelmine Tour 2020 Tickets

Wir treffen Wilhelmine im Berlin-Büro ihres Labels Warner Music. Passenderweise exakt in dem Raum, in dem sie sozusagen gesignt wurde und sich mit ihren Songs vorstellte. „Bevor ‚Meine Liebe‘ rauskam, habe ich noch mal mit meinem Team darüber gesprochen, was das jetzt bedeutet“, erzählt sie. „Ich habe nur gedacht: ‚Wahnsinn. Jetzt ist es wirklich so weit. Ich bringe dieses Lied zuerst raus. Meine Geschichte.‘“ An der Entscheidung gezweifelt hat sie nie. Aber sie gibt zu: „Ich habe bei dem Video anfangs minütlich die Kommentare gecheckt. Und war erleichtert, als die alle nett waren. Nach einer Weile kamen dann so ein paar, die in so eine leicht homophobe Richtung gingen, aber die wurden gleich in die Schranken gewiesen. Es war toll, dem zuzuschauen. Wie sich da so eine kleine Community bildet und die mich gleich in Schutz nehmen. Das war der letzte Beweis, dass das alles richtig so war. Besser geht’s ja nicht.“

Wilhelmine hat zuvor zwar auch schon gesungen, Konzerte gespielt und unter ihrem vollen Namen den ein oder anderen Song veröffentlicht, dennoch fühlt es sich an, als habe sie jetzt das gefunden, was sie selbst immer wieder fast beiläufig den „echten Weg“ nennt. „Die Musik kam für mich über das Covern in mein Leben. Ich habe als Teenager einfach nachgesungen, was mir gefällt. Als ich dann anfing, eigene Songs zu schreiben, merkte ich, dass mich eigentlich nur die Lieder berühren, die meine eigenen Geschichten und Gefühle erzählen. Die ersten dieser Lieder entstanden in einem sehr kleinen Kreis und ich habe da superviel geweint, weil ich gemerkt habe, wie viel das gerade in mir triggert. Aber das war eben der echteste Weg, den ich gehen konnte.“

Eine Aussage, die noch verständlicher wird, wenn man ihren zweiten als Wilhelmine veröffentlichten Song hört. Wieder so eine sanfte Bombe, die sich hinter dem simplen Titel „Du“ versteckt. Und einem dann diese Zeilen ins Hirn singt: „Ich kratz‘ dich vom Boden / Ich wasch‘ deinen Rausch / Ich halt‘ deine Hand / Ich halt‘ dich nicht aus / Du bist zu viel, zu viel, zu viel für mich / Ich hab‘ gelernt auch ohne dich / Ich werd‘ wieder zum Kind / Wenn du trinkst.“ Uff. Kein Wunder, dass diese Zeilen jeden triggern, der mit suchtkranken Menschen im engsten Umfeld zu tun hat. Aber wie fühlt es sich an, wenn man das auf Tour jeden Abend in einer anderen Stadt singt? „Es ist immer wieder berührend“, sagt Wilhelmine, „weil ich mich auf der Bühne in die Emotionen reinversetze, die ich da besinge. Das ist eine zutiefst emotionale Erfahrung, aber gleichzeitig gibt mir das Halt, weil mir danach immer Menschen erzählen, dass sie sich daran wiederfinden, es sie berührt, bewegt, vielleicht auch betroffen macht. Aber ich stelle mir dann meistens vor, dass ich genau für diese Leute singe. Dass es weniger um mich geht, sondern um das, was ich erlebt habe. Das Lied wirkt dann wie so eine Art Pflaster und es geht weniger um Ego, als um ein Teilen – das beiden Seiten hilft.“

Dass ihre Songs dabei so eingängig und melodieverliebt klingen, hat weniger mit Kalkül zu tun, als mit ihrem eigenen Geschmack. „Ich komponiere eben so, wie mir Musik gefällt. Melodieverliebt – das Wort gefällt mir, das trifft es doch ganz gut. Meistens entstehen sie in ganz kleinem Kreis in meiner WG-Küche und im Studio arbeite ich dann mit meinem Produzenten so lange, bis sie für mich aus einem Guss klingen.“ Der große „Einflusstopf“, wie sie es nennt (und den man sich dazu vielleicht bildlich auf dem Tisch der WG-Küche vorstellen darf), sei dabei mit der Musik gefüllt, die sie als Jugendliche und junge Frau so gerne gehört hat: „Am Anfang habe ich gerne Christina Aguilera oder Britney nachgesungen, aber es lief bei mir auch immer viel Clueso, und deutschsprachige Klassiker wie Trude Herr oder Hildegard Knef. Ich mochte schon immer alte Berlin-Lieder – ‚Das Lied von der Krummen Lanke‘ könnt ich ständig hören.“

Bis zu einem Debütalbum wird es noch eine kleine Weile dauern, wie man so raushört, aber bis zum Start ihrer verschobenen Tour im Herbst gibt es neue Musik: Am Freitag, den 24. April erscheint ihr neuer Song „Komm wie du bist“. Wir freuen darauf – und haben trotzdem ein wenig Schiss, was für ein hartes Thema sie uns dann wieder in einem samtweich klingenden Song um die Ohren haut…

Tickets für die Herbst-Termine der Tour von Wilhelmine bekommt ihr hier.


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